Politische Geschehnisse an diesem Tag

Von ihrem Treffpunkt in dem Lokal in der Jostystraße aus versuchten die revolutionären Obleute die Revolution zu leiten. So wurde Eichhorn für die Besetzung des Polizeipräsidiums, Pieck für die des Rathauses und Liebknecht für die des Schlosses eingeteilt.
Planmäßig führte dieser den Demonstrationszug an, der sich vom Alexanderplatz aus auf das Schloss zu bewegte. Im Lustgarten hielt Liebknecht von einem Lastwagen aus eine Rede, in der er die "sozialistische Republik Deutschland" ausrief.
Anschließend, nachdem das Stadtschloss eingenommen und die Kaiserstandarte durch eine rote Fahne ersetzt worden war, trat er gegen 16.00 Uhr auf den Schlossbalkon und hielt vor der Menge, deren Stimmung durch die im Schloss gefundenen Zucker- und Mehlvorräte noch mehr aufgebracht war, erneut eine Rede, an deren Ende er die Menschen auf dem Schlossplatz aufforderte die Hand zum Schwur auf die Republik und die Weltrevolution zu erheben. (Textmaterial)

Prinz Max von Baden sah sich auf Grund der sich verschärfenden Lage in der Hauptstadt zum Handeln gezwungen. Es blieb ihm keine Zeit mehr, sich mit Spa abzusprechen. Dort hatten Hindenburg und Groener morgens um 9.00 Uhr den Kaiser davon in Kenntnis gesetzt, dass die 2.Gardedivision, die aus königlich preußischen Leibregimentern bestand, bei ihrem Frontrückzug auf dem Weg von Aachen nach Köln, das sie von den Aufständischen zurückerobern sollten, sich den Befehlen der Offiziere widersetzt hatte. Wenn nicht einmal mehr auf diese Truppe Verlass war, dann...
Doch Wilhelm wollte immer noch nicht einsehen, dass sich sein Reich von ihm abgewendet hatte. Er verlangte von Groener "schwarz auf weiß (...) die Meldung aller kommandierenden Generale (...), dass das Heer nicht mehr hinter seinem obersten Kriegsherren steht"
Maser, Werner: "Friedrich Ebert". München 1987; Seite 178 f
. Aber auch als ihn der Bericht der 39 Truppenkommandeure von der Front erreichte, dass die Truppen für keinen Einsatz mehr zu gebrauchen seien und ihm Groener daraufhin erklärte: "Das Heer wird (...) in die Heimat zurückmarschieren, aber nicht unter Führung ihrer Majestät"
Wilhelm Groener zitiert nach: Haffner, Sebastian: "Die deutsche Revolution 1918/1919". München 1979; Seite 76
war er nicht bereit seine Meinung zu ändern und abzudanken.
So gab Max von Baden eigenmächtig, in der Hoffnung die revolutionäre Menge werde sich mit diesem Teilsieg zufrieden geben, um 12.00 Uhr vom Wolff'schen Telegrafenbüro die Meldung heraus, Kaiser Wilhelm II. habe als Kaiser von Deutschland und als König von Preußen abgedankt. (Flugblatt)
Als Wilhelm gegen 15.00 Uhr die Nachricht von "seiner Abdankung" in Spa erhielt, hatte er sich gerade dazu durchgerungen eine Teilabdankung zu unterzeichnen, in der er auf den kaiserlichen Thron verzichtete; diese trat jedoch nie in Kraft. Eigenmächtig sollte Wilhelm erst drei Wochen später am 28.November im Amerongen seine Abdankungsurkunde signieren und damit dem Deutschen Kaiserreich offiziell ein Ende setzten.
Nach dieser gewagten Aktion traf sich Max von Baden mit dem Kabinett und der SPD-Führung im Reichskanzlerpalais um zu beraten, was nun aus der brach liegenden politischen Landschaft im Deutschen Reich werden solle. Man fasste den Beschluss, dass man diese Entscheidung einer frei gewählten verfassunggebenden Nationalversammlung überlassen wolle und bis zu diesem Zeitpunkt das Kabinett weiter bestehen bleiben solle. Alle Staatssekretäre und preußischen Minister, sogar der Kriegsminister Heinrich Scheüch, sollten weiter im Amt bleiben.
Max von Baden übertrug bei dieser Sitzung, unter Zustimmung der anderen Anwesenden, sein Amt als Reichskanzler an Friedrich Ebert. Zu diesem Schritt war er zwar in keiner Weise gesetzlich legitimiert, doch was spielte das schon für eine Rolle während einer Revolution. (Flugblatt) Ebert trug daraufhin am Abend Max von Baden das Amt des Reichsverwesers an, als welcher er den Vorsitz der Nationalversammlung innehaben würde. Doch Max lehnte ab. Er hatte bereits ein zu schlechtes Gewissen den Kaiser in der Abdankungsfrage übergangen zu haben und wollte sich nun nicht auch noch bei der Ausarbeitung einer Verfassung am alten System schuldig machen.
Ebert nahm sein neues Amt sofort wahr und forderte die Menschen sogleich in einem Flugblatt auf: "Verlasst die Straßen! Sorgt für Ruhe und Ordnung!". (Textmaterial)

Um 13.00 Uhr versammelte sich die SPD im Vorwärts-Gebäude und beschloss einen eigenen "Arbeiter- und Soldatenrat von Berlin" zu bilden, der aus 21 Mitgliedern bestehen sollte. Zu diesen zählten u.a. Otto Braun, Otto Wels und Friedrich Ebert. Ziel war es, möglichst großen Einfluss auf die "revolutionäre, bolschewistische Bewegung" zu nehmen und wie konnte man das besser, als als Rat. Sofort wurde ein Flugblatt veröffentlicht, dass zum Generalstreik aufrief, obwohl man sich noch am gleichen Morgen strickt gegen diese Aktion gestellt hatte. So wollte man den Arbeitern den Eindruck vermitteln für die gleiche Sache zu kämpfen. (Flugblatt)

Nach Verhandlungen mit der USPD über eine Koalitionsregierung traf sich die SPD-Führung um 15.00 Uhr zum gemeinsamen Mittagessen im Speisesaal des Reichstages wieder. Ebert und Scheidemann nahmen ihre Mahlzeit, an diesem Tag eine wässerige Kartoffelsuppe, wie üblich an getrennten Tischen ein. Man ging sich, so gut wie möglich, aus dem Weg, da die meisten Zusammentreffen zu Konflikten führten.
Doch obwohl der Reichstag für Nicht-Delegierte an diesem Tag strengstens abgeriegelt war, konnte Scheidemann nicht in Ruhe zu Ende essen. Eine Gruppe von SPD-Abgeordneten stürmte in den Saal und bedrängte ihn eine Ansprache an die Massen draußen vor dem Gebäude zu halten. Laut Sebastian Haffner "ließ (Scheidemann) daraufhin die Suppe stehen und eilte beflügelten Schrittes hinaus"
Haffner, Sebastian: "Die deutsche Revolution 1918/1919". München 1979; Seite 81
, wohingegen Werner Maser sein Verhalten folgendermaßen beschreibt: "obwohl gewöhnlich schnell mit zündenden Reden zur Hand, hielt Scheidemann sich jetzt zunächst zurück."
Maser, Werner: "Friedrich Ebert". München 1987; Seite 180 f

Wie auch immer. Fest steht, dass er gegen 15.00 Uhr an ein offenes Fenster des Reichstages trat und seine Ansprache mit "Das Alte und Morsche ist zusammengebrochen. Es lebe die deutsche Republik"
Maser, Werner: "Friedrich Ebert". München 1987; Seite 181
begann und somit das endgültige Ende der Monarchie verkündete. (Textmaterial)
Bei seiner Rückkehr in den Speisesaal geriet er daraufhin erneut in eine Auseinandersetzung mit Ebert. Dieser fuhr Scheidemann an, dass er "kein Recht (habe), die Republik auszurufen. Was aus Deutschland wird, einen Republik oder sonst was, das entscheidet einzig und allein eine Konstituante!"
Philipp Scheidemann zitiert nach: Fischer, Ulrich: "Hundert Jahre revolutionäres Berlin". Berlin 1978; Seite 24
. Insofern beharrte Ebert auf den Beschlüssen, die man am Mittag im Reichskanzlerpalais getroffen hatte.

Am Nachmittag trat dann auch der Parteivorstand der USPD mit dem Vollzugsausschuss der revolutionären Obleute im Fraktionszimmer der USPD im Reichstag zusammen um über weitere Revolutionsschritte zu beraten. Um 17.00 Uhr stieß eine Delegation des inzwischen gebildeten Berliner Soldatenrates dazu, die die USPD aufforderte eine gemeinsame Regierung mit der SPD zu bilden, damit ein schneller Waffenstillstand an der Westfront herbeigeführt werden könne. Doch man wollte eine so schwer wiegende Entscheidung nicht treffen, solange der Parteivorstand nicht komplett war. So wurde Dittmann mit einem vom Vollzugsausschuss unterschriebenen Geleitschein nach Kiel geschickt um Haase von dort zu holen.
Liebknecht sprach sich entschieden gegen eine Zusammenarbeit mit der SPD aus. Da er selbst als Kandidat für eine Koalitionsregierung gehandelt wurde, verband er seinen Eintritt in die von ihm geforderte "3-Tages-Regierung", die nur für den Abschluss eines Waffenstillstandes existieren sollte, an strickte Bedingungen, die er Scheidemann zur Beratung in der Fraktion mitgab. Dieser war um 19.00 Uhr zu der Sitzung gestoßen und hatte die Forderungen der Soldatendelegation bekräftigt. Schon am Morgen hatten er, Ebert und Braun ein entsprechendes Angebot an Dittmann und Ledebour gerichtet, die im Reichstag übernachtet hatten. Nun gab er bekannt, dass er, Ebert und Landsberg die "SPD-Fraktion" einer paritätischen Regierung bilden würden. Die drei hatten inzwischen sich selbst zur "neuen Regierung" (Flugblatt) ernannt, waren aber auf die Unterstützung der USPD angewiesen, wenn sie als "Revolutionsregierung" fungieren wollten.
Die Antwort auf Liebknechts Forderungen ließ nicht lange auf sich warten, nach der Liebknecht seine Regierungsbeteiligung völlig ausschloss. (Textmaterial)
Doch der Soldatenrat drängte die Parteien zur Zusammenarbeit und drohte eine eigene Regierung zu bilden, wenn man sich nicht einige. So erklärte sich die USPD schließlich zu Verhandlungen mit der SPD bereit; unter der Bedingung, dass alle politische Gewalt, trotzt einer existierenden Regierung, bei den Arbeiter- und Soldatenräten bleiben würde und eine Nationalversammlung erst nach Beendigung der Revolution tagen solle. Am nächsten Tag wollte man Genaueres besprechen.
Die USPD hatte als Ziel vor der Einberufung einer Konstituanten noch eine Sozialisierung der Grundstoffindustrie und eine Demokratisierung der Verwaltung durchzusetzen; erst dann würde für sie der Umbruch geglückt und die Revolution beendet sein. Eine Nationalversammlung hätte sich als höchstes Organ gegen diese Vorhaben aussprechen und sie verhindern können.

Inzwischen tagten im großen Reichstagssaal, gemeinsam mit den Obleuten, die Arbeiter- und Soldatenräte Berlins. Ihre Mitglieder waren im Laufe des Tages ernannt - nicht unbedingt gewählt - worden und recht zufällig zusammengewürfelt. Um 22.00 Uhr hatte Barth die Versammlung eröffnet, bei der man beschloss am nächsten Tag in allen Betrieben und Kasernen zur Wahl von richtigen bzw. rechtmäßigen Räten aufzurufen, die sich dann um 17.00 Uhr im Zirkus Busch versammeln sollten um über die weitere politische Entwicklung Deutschland zu entscheiden. (Textmaterial)

Noch in der Nacht vom 9. auf den 10.November bevollmächtigte Ebert die Waffenstillstandskommission, die sich unter dem Vorsitz des Zentrumspolitikers Mathias Erzberger in Compiègne aufhielt, zur Unterzeichnung der von den Alliierten ausgearbeiteten Verträge; Deutschland hatte auf die Waffenstillstandsbedingungen keinen Einfluss. Am 10.November beendete Erzberger durch seine Unterschrift den Krieg an der Westfront.
Die Bedingungen waren ein Schock für jene, die alle Hoffnungen in den Siegfrieden gesetzt hatten: bis zum 26.November mussten Frankreich, Belgien und Elsass-Lothringen geräumt werden. Wer zurückblieb würde verhaftet werden. Innerhalb von 25 Tagen musste zudem die Räumung des linken Rheinufers erfolgen. Mainz, Koblenz und Bonn würden durch alliierte Truppen besetzt und auf dem rechten Rheinufer eine 40 km breite neutrale Zone eingerichtet werden. Außerdem sollte Deutschland 5000 Lokomotiven, 150.000 Wagons und 5000 Lkws abgeben. Bis diese Bedingungen erfüllt wären, würde die Seeblockade aufrecht erhalten werden.
Österreich-Ungarn hatte bereits am 3.November mit den Alliierten einen Waffenstillstand geschlossen.

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