Die Friedensverhandlungen

Am 3. Oktober sandte die neue Regierung sogleich eine Note an den amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, in der sie ihm Friedensverhandlungen auf der Grundlage seiner am 8.Januar 1918 verkündeten 14 Punkte anbot. In ihnen hatte Wilson die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich, eine Unabhängigkeit Polens, die Räumung sämtlicher besetzter Gebiete und drastische Rüstungsbeschränkungen für Deutschland als Bedingungen für einen Frieden mit den Alliierten gestellt. (Textmaterial)
Man war zuvor durch ein Telegramm aus Spa zur "sofortigen Herausgabe des Friedensangebotes" aufgefordert worden. Die Regierung hatte damit nämlich gezögert, da ihre Mitglieder nun die gleichen Bedenken hatten wie ursprünglich die OHL, dem "Feind Schwäche zu zeigen". Noch am 3.Oktober hieß es in einem Vorwärts-Artikel, dem offiziellen Organ der SPD: "Wehe dem Volk, das seine Waffen fünf Minuten zu früh an die Wand stellt."
Koch, Hannsjoachim: "Der deutsche Bürgerkrieg". Berlin 1978; Seite 17

Dementsprechend misstraute Wilson dem plötzlichen Friedenswillen, nachdem seine Verhandlungsangebote in der Vergangenheit konsequent abgelehnt worden waren. Der Notenwechsel zwischen Berlin und Washington zog sich daher in die Länge und das Unverständnis und die Ungeduld in der Bevölkerung wuchs. Ein weiterer von Hunger, Kälte und Epidemien bestimmter Winter stand vor der Tür. Gerüchte gingen um, dass der Kaiser die Friedensbedingungen nicht akzeptieren würde und anstatt abzudanken lieber das ganze Volk mit in den Abgrund reißen würde. Bestärkt wurden diese Befürchtungen durch die weiter anhaltenden Kämpfe an der Westfront und durch die Aufrufe der auf einen Siegfrieden bedachten Parteien und Verbände für "Kampfgeist und Opferbereitschaft". (Textmaterial)

Die drei Antworten von Wilson auf die deutschen Noten erfolgten am 8., 14. und 23.Oktober, von denen die letzte für Ludendorff weit reichende Folgen hatte: in dieser dritten Note forderte Wilson durchgreifende innenpolitische Reformen, die dafür sorgen sollten, dass Deutschland als Kriegsmacht unschädlich gemacht und eine demokratische Republik werden würde. Dies ging Ludendorff nun aber entschieden zu weit. Er hatte die ganze Zeit darauf spekuliert den Waffenstillstand als Ruhepause für das Heer zu nutzen und danach erneut zuzuschlagen, genau wie Wilson es befürchtet hatte. So gab Ludendorff eigenmächtig dem Heer den Befehl sich diesen Bedingungen "mit den äußersten Kräften zu widersetzten"
Erich Ludendorff zitiert nach: Haffner, Sebastian: "Die deutsche Revolution 1918/1919". München 1979; Seite 46
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Dies ließ sich jedoch Prinz Max von Baden, der die Waffenstillstandsverhandlungen führte, nicht bieten. Er stellte Wilhelm II. vor die Entscheidung "er oder ich", worauf Ludendorff am 24.Oktober entlassen wurde. Sein Amtsnachfolger wurde General Wilhelm Groener.

Um Wilsons Forderungen nachzukommen und mehr Ansehen bei der Bevölkerung zu erlangen, wurde von der Regierung am 24.Oktober 1918 das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft und am 28.Oktober die so genannte Oktoberverfassung erlassen. Durch sie wurde der Kanzler stärker an den Reichstag gebunden und der Kaiser in seiner Kommandogewalt eingeschränkt.
Deutschland war plötzlich auf dem besten Weg zur parlamentarischen Demokratie, obwohl es noch am 17.Oktober bei einer Kabinettssitzung starke Meinungsverschiedenheiten zwischen den Parteivertretern zu der Frage, wie man sich den Demokratieforderungen gegenüber verhalten sollte, gegeben hatte. Die SPD hatte sich mit ihrer Forderung nach einem baldigen Kriegsende gegen jene durchsetzten können, die den Krieg noch bis 1919 fortsetzten wollten. Entscheidendes Argument war gewesen, dass man die Massen nicht mehr so lange würde ruhig halten können. Dank Wilson war ein Kriegsende nun an eine Demokratisierung gebunden.
Am 6.November ließ Wilson Max von Baden mitteilen, dass der französische General Ferdinand Foch, seit dem 15.April 1918 Oberbefehlshaber der alliierten Armee, bereit wäre eine Delegation zu Verhandlungen in Compiègne zu empfangen. (Flugblatt)

Inzwischen war man, sogar im engsten Kreise des Kaisers, zu der einheitlichen Meinung gekommen, dass Wilhelm II., der sich strickt gegen Reformen sträubte, nicht mehr zu halten war. Der Reichstag hatte sich bereits am 25.Oktober offen für eine Abdankung ausgesprochen, nachdem schon am 19.Oktober in der Leipziger Volkszeitung erstmals dieses Thema laut angesprochen worden war. Wilhelm reiste daraufhin am 29.Oktober Hals über Kopf von Berlin nach Spa ins Hauptquartier der OHL.
Um die Monarchie zu retten musste er abdanken und am besten auch sein Sohn auf den Thron verzichten. Doch niemand wagte dies offen an ihn heranzutragen. Noch am 1.November 1918 erklärte er: "Ich denke gar nicht daran abzudanken. Der König von Preußen darf Deutschland nicht untreu werden. Ich denke gar nicht daran wegen der paar 100 Juden und der 1000 Arbeiter den Thron zu verlassen!"
Wilhelm II. am 1.November zum preußischen Innenminister zitiert nach: Brunk, Willi; Dederke, Karlheinz; Neumann, Horst: "1918/19: Revolution in Deutschland?". Berlin 1976; Seite 33


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