Die Weihnachtsunruhen

Zum Schutz des Regierungsviertels vor konterrevolutionären Militärs war im November die Volksmarinedivision aus Cuxhaven nach Berlin geholt worden. Der anfängliche Trupp von 650 Soldaten war bald auf 3000 Mann angewachsen und stand seit dem 7.Dezember unter der Kommandantur Fritz Radtkes. Sie quartierten im Schloss und im Marstall und unterstanden der Befehlsgewalt des Berliner Stadtkommandanten Otto Wels.
Die Division hatte sich hinter die Forderungen der Hamburger Soldaten beim Reichsrätekongress gestellt und sprach sich offen gegen die Kommandogewalt in den Truppen aus. Sie selbst hatte sich einen aus 15 Mann bestehenden Volksmarinerat gewählt, den sie als ihre oberste Instanz ansah und an dessen Spitze Heinrich Dorrenbach stand. Auf Grund ihrer Größe und ihrer Gesinnung war die Volksmarinedivision der Regierung schon bald ein Dorn im Auge und so sah man das Verschwinden von Kunstschätzen aus dem Schloss als willkommenen Anlass um die Division aufzulösen.

Am 12.Dezember erging der Befehl an die Soldaten das Schloss zu räumen. 2400 von ihnen sollten aus dem Heeresdienst austreten, 600 würden in das Heer (die "Republikanische Soldatenwehr") übernommen werden können. Erst nach Erfüllung der Bedingungen sollte der ausstehende Sold in Höhe von 80.000 Mark durch Wels ausgezahlt werden.
Am 18.Dezember erklärte sich die Division zur Räumung bereit, sofern ihnen eine neue Unterkunft zugewiesen werden würde. So erfolgte am 23.Dezember die Schlüsselabgabe in der Reichskanzlei. Daraufhin befahl Emil Barth Wels telefonisch den Sold auszuzahlen, doch dieser gab zurück er würde nur die Anweisungen Eberts ausführen. Aber dieser ließ seine Anwesenheit in der Reichskanzlei verleugnen, wodurch die Besetzung derselben erfolgte.
Dorrenbach fuhr zu Wels in die Berliner Kommandantur. Doch während er mit ihm verhandelte wurden die draußen auf ihn wartenden Matrosen von Regierungstruppen unter dem Befehl von Generalleutnant Arnold Lequis beschossen; es gab zwei Tote und drei Schwerverletzte. Gleichzeitig wurde auch die besetzte Reichskanzlei militärisch abgeriegelt.
Ebert hatte es nämlich geschafft über seine geheime Telefonleitung zur Heeresleitung in Kassel Groener über seine Lage zu informieren und dieser hatte Lequis den Befehl zum Gegenangriff gegeben und ihm sämtliche Truppen in Groß-Berlin unterstellt. Lequis hatte sofort Kurt von Schleicher mit seinen Truppen aus Potsdam und Babelsberg nach Berlin kommandiert, die ihr Lager im Tiergarten aufschlugen.

Doch die festgesetzten Matrosen in der Reichskanzlei erhielten durch Mannschaften aus dem Polizeipräsidium Verstärkung und so fand sich Ebert bereit, nach Verhandlungen mit Dorrenbach der Volksmarinedivision den Rückzug ins Schloss zu gestatten und erklärte, man würde die Lage in der morgigen Kabinettsitzung diskutieren; bis dahin würde eine Waffenruhe herrschen.
80 Matrosen kehrten daraufhin am Abend in den Marstall und 30 in das Berliner Stadtschloss zurück.

Aber in dem üblichen Telefonat mit Groener am Abend drohte dieser Ebert das Bündnis zu kündigen, sofern er nicht härter gegen dieses "ziemlich rebellische Völkchen"
Wilhelm Pieck zitiert nach: Arbeitskreis Verdienter Gewerkschaftsveteranen beim Bundesvorstand des FDGB (Hrsg.): "Die Novemberrevolution 1918 und die deutschen Gewerkschaften". Berlin 1958; Seite 55
vorgehe, denn die Soldaten hatten inzwischen auch Wels verhaftet und hielten ihn als Geisel im Marstall fest, damit Ebert seine Kooperationsbereitschaft auch beibehalten würde. Gegen 3.00 Uhr nachts ließen sie ihn jedoch wieder frei.
Ob Ebert von dieser Freilassung gewusst hat ist umstritten, jedenfalls gab er Lequis am frühen Morgen des 24.Dezember den Befehl zum Angriff, woraufhin um 7.00 Uhr 2000 Soldaten das Schloss und den Marstall umstellten. Um 7.45 Uhr schickte man eine Delegation zu Dorrenbach, die die Aufforderung überbrachte die Gebäude innerhalb von 10 Minuten zu räumen, entwaffnet auf dem Schlossplatz zu erscheinen und eine weiße Fahne zu hissen. Dorrenbach lehnte ab.
Daraufhin begannen die Truppen das Schloss und den Marstall mit schwerer Artillerie anzugreifen. Allein innerhalb der ersten Stunde konnte man 60 Granateneinschläge zählen.

Inzwischen hatten allerdings die Spartakisten und revolutionären Obleute die Arbeiter in den Berliner Betrieben mobilisiert, die sich nun in einem großen Zug mit Frauen und Kindern an der Spitze von Norden aus auf die Stadtmitte zu bewegten. Auch Eichhorn hatte erneut seine Sicherheitswehr zur Unterstützung der Soldaten losgeschickt. Wie am 9.November ertönten die Sprechchöre "Schießt nicht auf euer Brüder!" und so ließen sich, angesichts der Masse an Demonstranten, Lequis Truppen entwaffnen oder desertierten von sich aus.
Um 12.00 Uhr wurden die Kämpfe endgültig eingestellt. Insgesamt starben an diesem Tag 11 Matrosen und 56 Regierungssoldaten.

Lequis, der eine fürchterliche Blamage erlitten hatte, bat nun seinerseits Ebert um Hilfe, die in Form von Verhandlungen erfolgen sollte. So wurden Max Cohen, der zweite Vorsitzende des Zentralrates und Richard Müller, der Vorsitzende des Vollzugsrates, im Namen der Regierung zu Verhandlungen mit der Volksmarinedivision geschickt. Man einigte sich darauf, dass die Division bestehen bleiben könne, allerdings müsse man sich ab jetzt konsequent unter die Kommandogewalt des Stadtkommandanten Wels stellen. Nach dieser "Ausgleichsverhandlung" zogen sich auch die letzten Soldaten Lequis zurück, doch nun kam das Aufbegehren von der anderen Seite.
Am 25.Dezember fand eine vom Spartakusbund veranstaltete Großdemonstration im Tiergarten statt, bei der gegen die "Verstaatlichung der Volksmarinedivision" protestiert wurde. Eine Gruppe der Demonstranten besetzte anschließend den "Vorwärts" (Flugblatt) woraufhin noch in der Nacht drei Flugblätter erschienen, die nun vom "Roten Vorwärts" herausgegeben worden waren (Flugblatt). Bereits am nächsten Tag musste man das Gebäude jedoch wieder räumen, nachdem sich auch die USPD entschieden gegen diese Aktion ausgesprochen hatte.

Am 29.Dezember traten Haase, Dittmann und Barth aus dem Rat der Volksbeauftragten aus. Sie waren wiederholt von den USPD-Anhängern dazu aufgefordert worden, die Eberts hartes Vorgehen gegen die Volksmarinedivision streng verurteilten. Die Bemühungen von Haase und Dittmann, bei einer Sitzung des Rates am 28.Dezember wieder zu einer gemeinsamen Linie zu finden, scheiterten.
An die Stelle der USPD-Mitglieder wurden nun die SPD-Mitglieder Rudolf Wissel (zuständig für die Bereiche Wirtschafts- und Sozialpolitik) und Gustav Noske (zuständig für Militär und Marine) von Ebert in den Rat der Volksbeauftragten berufen; Paul Löbe lehnte seine Berufung ab, wodurch der Rat ab jetzt nur noch 5 Mitglieder zählte. Diesem erneuten Bruch der beiden großen sozialdemokratischen Parteien folgten groß angelegte Hetzkampagnen und Demonstrationen, bei denen man stets den wiedergewonnenen Gegner hart angriff. "Die Einigung" hatte gerade einmal eineinhalb Monate angehalten.
Am 3.Januar 1919 traten dann auch die USPD-Mitglieder Rudolf Breitscheid, Adolph Hoffmann und Heinrich Ströbel aus der preußischen Regierung aus, nachdem Walther Reinhardt zum preußischen Kriegsminister ernannt worden war.

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