Die Reaktionen in Berlin

Angesichts der sich zuspitzenden Situation in Kiel tagte am Vormittag des 2.November 1918 in einem Neuköllner Lokal der Vollzugsausschuss der revolutionären Obleute gemeinsam mit den USPD-Führern. Karl Liebknecht, Wilhelm Pieck und Ernst Meyer vom Spartakusbund waren dem Vollzugsausschuss am 26.Oktober beigetreten, nachdem dieser beschlossen hatte gegen die Regierung vorzugehen.
Oberleutnant Eduard Walz, Befehlshaber des 2. Gardepionier-Ersatzbataillons, wollte mit seiner Truppe bei einem Aufstand die revolutionären Arbeiter Berlins unterstützen und so das Überlaufen anderer Einheiten erreichen. So hatte er die strategische Planung für solch einen Aufstand übernommen, der nach seinem Willen am 4.November stattfinden sollte und von dem er den Ausschuss nun unterrichtete.
Die am 26.Oktober geplanten Kundgebungen und Demonstrationen für den 3.November waren bereits am 30.Oktober von der USPD wieder abgelehnt worden; man wollte lieber gleich einen großen Aufstand organisieren.
Als am Abend die Obleute bei einer Sitzung in der Arbeiterbildungsschule der SPD in der Schicklerstraße durch den Vollzugsausschuss von den geplanten Aktionen in Kenntnis gesetzt wurden, stimmten sie dafür, den Aufstand um eine Woche zu verschieben. Man war der Meinung, man hätte die Arbeiterschaft Berlins noch nicht zur Genüge hinter sich. In der folgenden Woche sollte daher in den Betrieben durch die Vertrauensmänner noch weitere Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit die Aktionen am 11.November auch ihre volle Wirkung hätten. Doch man konnte zu keiner Einigung finden, wie diese Überzeugungsarbeit von statten gehen sollte und so traf man um 3.00 Uhr nachts den Beschluss die Beratungen am 6.November fortzuführen und sich bis dahin ruhig zu verhalten und die weitere Entwicklung zu beobachten. (Textmaterial)
Am 3.November tagte der Vollzugsausschuss erneut allein in seiner geheimen Zentrale in einer Fabrik in der Köpenicker Straße. Ledebour brachte zu diesem Treffen einen Kieler Matrosen mit, der von den dortigen Geschehnissen berichtete.
Liebknecht, der neben Wilhelm Pieck als Spartakus-Vertreter dem Treffen beiwohnte, sprach sich dafür aus, die für den 6.November geplante Tagung vorzuverlegen. Doch jetzt waren auch die Mitglieder des Vollzugsausschusses der Ansicht lieber noch etwas zu warten, da es ihrer Meinung nach, noch an der Bewaffnung und an technischen Vorbereitungen mangele.
Am gleichen Tag wurde Walz verhaftet, der, enttäuscht über sein Scheitern am 2.November, seine Pläne für den Aufstand preisgab.
Der Vollzugsausschuss trat auch am folgenden Tag, auf Grund der Nachrichten vom Sieg der Aufständischen in Kiel, wieder zusammen und nahm nun auch Liebknechts Vorschlag, dass man schon früher in Aktion treten müsse um von der Lage in Kiel profitieren zu können, an. Doch fand sich keine Mehrheit für eine "Revolution" am 8. oder 9.November, da dies die Lohnauszahlungstage dieses Monats waren und man vermutete, daher nicht die Mehrheit der Arbeiter für einen Streik gewinnen zu können.
So fand schließlich doch, wie ursprünglich vorgesehen, das Treffen der revolutionären Obleute erst am 6.November in dem Lokal "Musik Fuchs" in der Jostystraße - heutige Mollstraße - statt, das schon länger ihr geheimer Treffpunkt war. Man überließ dem Vollzugsausschuss die Festlegung eines Zeitpunktes für die Revolution, doch sollte der nicht vor dem 11.November liegen.
Am 7.November tagte der Vollzugsausschuss, diesmal wieder gemeinsam mit dem Vorstand der USPD in deren Büro am Schiffbauerdamm. Es kam erneut zu heftigen Diskussionen, ob man den 11.November oder doch lieber einen späteren Tag wählen sollte. So verschob man die Entscheidung auf ein Neues: man wollte am nächsten Tag im Reichstag wieder zusammenkommen.
Auf dem Weg zu eben dieser Sitzung am 8.November wurde Ernst Däumig, der alle Unterlagen für den geplanten Aufstand bei sich trug, verhaftet. Seine Begleiterin Luise Zietz konnte der Polizei entkommen und berichtete der Versammlung im Reichstag von dem Geschehenen. Da Liebknecht und Emil Barth noch nicht anwesend waren, verbreitete sich schnell das Gerücht, dass auch sie verhaftet worden wären und so war man plötzlich zu einem schnellen Handeln bereit. Es wurden auf der Stelle Kuriere in die Berliner Großbetriebe geschickt, die einen Aufstand für den nächsten Tag vorbereiten sollten und der Druck eines Flugblattes, das zum Massenstreik aufrief, wurde in Auftrag gegeben. Allerdings weigerte sich der USPD-Vorstand unter der Führung Hofers es zu unterschreiben, da man das Ende der Partei bei einem Misslingen des Schlages befürchtete, falls man vorher offen seine Mitwirkung bekundet hatte. So trug das Blatt nur die Unterschriften der zehn Vollzugsausschussmitglieder: Liebknecht, Pieck, Brühl, Ledebour, Haase, Eckert, Franke, Weymann, Barth und Neuendorf. (Flugblatt)
Auch der Spartakusbund hatte in der Zwischenzeit ein Flugblatt gedruckt, in dem die Freilassung aller politischer Gefangenen, die Abschaffung der Monarchie und die Übernahme der Macht durch gewählte Räte gefordert wurde. (Flugblatt)

Doch auch die reaktionäre Seite war nicht untätig gewesen. Am 7.November erließ der Oberbefehlshaber in den Marken, General Alexander von Linsingen, den Befehl, dass alle städtischen Betriebe und Rüstungsunternehmen in Berlin durch das Militär besetzt werden sollten. Die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten wurde streng verboten. So sollte die Organisation eines Aufstandes der dortigen Arbeiter verhindert werden.
Zur besseren Kontrolle wurde Berlin in Reviere eingeteilt, die Stadt militärisch abgesperrt, öffentliche Gebäude durch Patrouillen mit Panzerwagen bewacht, eine völlige Nachrichtensperre verhängt, der Eisenbahnverkehr eingestellt und ein allgemeines Demonstrationsverbot erlassen. Auch untersagte man der USPD ihre Feier zum einjährigen Jubiläum der russischen Revolution abzuhalten; trotzdem nahmen einige tausend Menschen an der Veranstaltung teil.
Um einen Überblick über die Geschehnisse im Reich zu bekommen richtete das Kabinett eine "Informationsstelle der Regierung" ein.
Die Revolution sollte um jeden Preis von der Hauptstadt fern gehalten werden. Hindenburg machte in diesen Tagen erstmals den Vorschlag lokale Volkswehren zu bilden, die die Revolution "ersticken" sollten.
Die Lübbener Jäger und das 4. Naumburger Jägerbataillon, das schon erfolgreich beim Kampf gegen die Rote Armee in Russland zum Einsatz gekommen war, wurden nach Berlin geholt um die Regierungsgebäude mit ihrer scharfen Munition und den ausgeteilten Handgranaten zu verteidigen. Schloss und Rathaus wurden von einer gesonderten Schutzpolizei überwacht. Alle Offiziere in der Stadt waren in Alarmbereitschaft versetzt und zu "Abwehrformationen" zusammengestellt worden.

Und auch die SPD hatte die Zeichen der Zeit erkannt und war nun in die Offensive übergegangen, da man befürchten musste, dass "sonst die ganze Gesellschaft zu den Unabhängigen überlaufe"
Prinz Max von Baden zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 123
. Nachdem Ebert am 6.November beim Treffen in der Reichskanzlei die Abdankung Wilhelms II. gefordert hatte und dies von Groener strickt abgelehnt worden war, richtete die SPD am 7.November ein Ultimatum an Max von Baden, in dem man die Abdankung des Kaisers und eine Aufhebung des Versammlungsverbotes verlangte. Wenn dies nicht bis zum Mittag des 8.November geschehen sein würde, würde man aus der Regierung austreten. Dieses Ultimatum bedeutete aber nicht, dass man die Abschaffung der Monarchie wollte. Es sollte lediglich ein neuer Kaiser her, der Reformen offener gegenüberstand als Wilhelm II.
Ebert hatte sich am Morgen des 7.November mit Max von Baden im Garten der Reichskanzlei getroffen und ihm erklärt, dass, "wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ich hasse sie wie die Sünde."
Friedrich Ebert zitiert nach: Fischer, Ulrich: "Hundert Jahre revolutionäres Berlin". Berlin 1978; Seite 24
und somit die Frage von Max, ob "er (ihn) auf (seiner) Seite im Kampf gegen die soziale Revolution (hätte), wenn es (ihm) gelingen würde den Kaiser (von der Abdankung) zu überzeugen"
Max von Baden zitiert nach: Haffner, Sebastian: "Die deutsche Revolution 1918/1919". München 1979; Seite 70
positiv beantwortet. Daraufhin wollte Max von Baden sofort nach Spa eilen, wurde aber von der sich zuspitzenden Situation in Berlin an der Reise gehindert.
Am Abend des 8.November wurden die Bedingungen durch die SPD noch verschärft. Nun wurde auch die Zurückhaltung der Polizei und des Militärs, eine Umgestaltung der preußischen Regierung nach Reichstagsmehrheit und ein Kronverzicht des Prinzen Eitel Friedrich gefordert. Doch Wilhelm lehnte es bei Maxs Anfrage erneut ab "auf die Vorschläge einzugehen. (Er habe die) Pflicht auf (seinem) Posten zu bleiben"
Maser, Werner: "Friedrich Ebert". München 1987; Seite 178
hieß es in der Antwort.

Auch andere verhielten sich nicht so, wie man es sich wünschte: am späten Abend des 8.November waren die Naumburger Jäger in die Alexander Kaserne eingezogen. Es herrschte Unruhe in der Truppe; man wollte endlich wissen zu welchem Zweck man genau nach Berlin geholt worden war. Die Informationen über den Einsatz waren sehr spärlich. Die Offiziere versprachen eine Aufklärung am nächsten Morgen. Ein Gefreiter wurde auf Grund einer "aufsässigen Bemerkung" inhaftiert.
Die Situation in der Stadt hätte nicht gespannter sein können.

Copyright (©) 2002 by Karena Kalmbach, Berlin