Der Matrosenaufstand

Die Oberste Seekriegsleitung unter den Admirälen Scheer und von Fothe war schon damals nach Skagerrak gegen die Einstellung des U-Boot-Krieges und dementsprechend auch im Oktober 1918 gegen die Waffenstillstandsverhandlungen gewesen. Um sie zu besänftigen versprach ihnen die Regierung Max von Baden "operative Freiheiten" für ihre Flotte, die aber weiter nicht definiert wurden.
Dies führte dazu, dass Ende Oktober der Befehl an alle Schiffe erging, sich auf der Schillings Reede zu versammeln. Die Seekriegsleitung wollte, nachdem sie schon in den letzten Monaten nicht mehr am Kampf des Vaterlandes hatte teilhaben können, nun nicht völlig ehrenlos durch einen Waffenstillstand endgültig kampfunfähig gemacht werden. Wenn, dann wollte man in einem letzten tapferen Einsatz gegen die englische Flotte sterben.
Doch die Matrosen erkannten die Sinnlosigkeit eines solchen Gefechts und jetzt, wo der Frieden schon so greifbar nah war, wollte man sein Leben nicht mehr für den Ruhm der Seekriegsleitung und der "stählernen deutsche Flotte" opfern.
So wurde schon beim Zusammenzug der Flotte ab dem 28.Oktober 1918 Widerstand geleistet. Viele der Matrosen erschienen nicht mehr zum Dienst und desertierten oder sie zögerten die Ausfahrt hinaus. Die Matrosen des Kreuzers "Straßburg" machten sogar den Versuch ihr Schiff zu versenken. Auf der "König" wurde ein Soldatenrat gebildet, der über Gegenmaßnahmen beraten sollte und auf der "Markgraf" kam es massenweise zu Befehlsverweigerungen. Doch all diese Widerstrebungen konnten noch von den Offizieren unterdrückt werden.
Am 30.Oktober wurde der inzwischen versammelten Flotte der Befehl zum Auslaufen gegeben. Ziel sollte die Themsemündung sein.
Nun brach der Widerstand der Mannschaften offen aus: die Matrosen der Großkampfschiffe "Thüringen", "Helgoland" und "Markgraf" weigerten sich die Anker zu liften und versperrten so den anderen Schiffen die Hafenausfahrt. Man setzte Torpedoboote gegen die Aufständischen ein und verhaftete über 1000 der meuternden Matrosen und brachte sie in die Marinegefängnisse in Kiel. Die anderen Matrosen zeigten sich solidarisch, immerhin hatten die Meuterer sie vor dem sicheren Tod bewahrt.
Vertrauensmänner wurden gewählt, die nach ihrer Beratung am 1.November im Kieler Gewerkschaftshaus die Forderung an die Marineoffiziere stellten, die Gefangenen freizulassen. Doch die Offiziere gingen nicht darauf ein und lehnten jede Verhandlungen strickt ab. Stattdessen erließen sie ein Verbot die Kasernen zu verlassen und befahlen der Marineinfanterie für Ruhe zu sorgen. So hoffte man, könnte das Auslaufen, wenn auch mit Verzögerung, doch noch erfolgen.

Aber es kam anders: am 2.November weigerte sich die Infanterie gegen die meuternden Soldaten vorzugehen, wodurch den Offizieren ihr wichtigstes Druckmittel verloren ging. Bei einer erneuten Versammlung der Vertrauensmänner, diesmal auf dem Kieler Exerzierplatz, erklärten sich die Werftarbeiter bereit den Aufstand zu unterstützen; die Bewegung erhielt eine andere Dimension.
Diese sollte sich noch am folgenden Tag ausweiten: nach der durch Karl Artelt eröffneten Massenkundgebung, auf der erneut die Freilassung der Gefangenen gefordert wurde, setzte sich ein Demonstrationszug aus Matrosen und Werftarbeitern in Richtung Marineanstalt, wo die Gefangenen inhaftiert waren, in Bewegung. Auf dem Weg durch die Kieler Innenstadt schlossen sich ihm weitere Soldaten an. Nachdem eine Postenkette das Feuer auf den Zug eröffnet hatte, gab es acht Tote und 29 Verletzte.
Dies führte am 4.November zum bewaffneten Aufstand gegen die Offiziersherrschaft. Am Morgen wurden auf den Schiffen Soldatenräte gebildet, die das weitere Vorgehen organisieren und planen sollten.
Auch die Arbeiter gingen einen ähnlichen Weg: bei einem Treffen der Vertrauens- und Obleute aus den Betrieben im Gewerkschaftshaus wählte man einen Arbeiterrat, der sich aus SPD- und USPD-Anhängern zusammensetzte und rief zum Generalstreik auf.
Unterdessen wurden weitere Truppen auf Befehl der Regierung nach Kiel delegiert, die die Stadt abriegeln sollten, um eine Ausbreitung der Bewegung zu verhindern. Doch diese verbündeten sich mit den Aufständischen. So erklärte sogar der Gouverneur von Kiel, Admiral Souchon, sich bereit, eine Delegation der Arbeiter- und Soldatenräte zu empfangen. Souchons einzige Möglichkeit bestand nun darin, Zeit zu gewinnen, auf dass ihm von der OHL oder aus Berlin zuverlässigere Truppen geschickt werden würden um den Aufstand niederzuschlagen.
Am Abend des 4.November 1918 waren alle militärischen und öffentlichen Gebäude der Stadt durch die 40.000 meuternden Matrosen besetzt und Kiel so in ihrer Hand. Auch war es gelungen die inhaftierten Kameraden zu befreien. Es wurde ein gemeinsamer Soldatenrat aus den Räten der einzelnen Schiffe gebildet, der die Kontrolle über die Verwaltung und die Lebensmittelverteilung übernahm und noch am gleichen Abend die so genannten "14 Kieler Forderungen" an die Militärführung stellte. (Textmaterial)

Die Meldungen aus Kiel lösten Panik bei der Regierung in Berlin aus. Max von Baden telegrafierte auf der Stelle an Groener in Spa, dass er zu "militärischen Beratungen" anreisen solle. Man hatte Angst, die Situation könne außer Kontrolle geraten und sich zu einer Revolution ausweiten. Nach Meinung der Regierung würde das entstehende Chaos Deutschland, das durch den Krieg schon an den allerletzten Reserven hing, endgültig zu Grunde richten. Die Waffenstillstandsverhandlungen könnten nicht fortgesetzt werden und alle demokratischen Reformen der letzten Monate wären umsonst gewesen. Außerdem bangte man natürlich um die eigenen Positionen.

Am Morgen des 4.November tagten in Berlin die Staatssekretäre und beschlossen einen SPD-Abgeordneten nach Kiel zu entsenden, der Einfluss auf die revolutionären Arbeiter und Soldaten nehmen und der Bewegung von innen heraus den Schwung nehmen sollte. So fuhr am Abend der Staatssekretär Conrad Haußmann zusammen mit Gustav Noske, der für diese Aufgabe auserwählt worden war, nach Kiel.
Außerdem erfolgte das Erlassen eines Ultimatums an die russischen Diplomaten in Berlin: sie sollten binnen sechs Stunden das Land verlassen. Man hatte eine aufgebrochene Kiste am Bahnhof Friedrichstraße, die einem Delegationsmitglied gehörte und in der sich revolutionäre Flugblätter befanden, zum Anlass für die Ausweisung genommen. Zwar gehörten die Flugblätter in Wirklichkeit der Spartakusgruppe, doch befürchtete man, dass die russischen Diplomaten gezielt Einfluss auf die Bildung einer Räterepublik in Deutschland nach russischem Vorbild nehmen wollten und so paßte der von Scheidemann initiierte "Flugblattfund" genau ins Bild.

Laut Scheidemann musste man "sich jetzt (selbst) an die Spitze der Bewegung stellen, (da es sonst) noch anarchistische Zustände im Reich geben (würde)"
Philipp Scheidemann zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 100
. Um die Bewegung zu verhindern war es bereits zu spät, das hatte die SPD als einzige der Regierungsparteien erkannt.
So trafen Noske und Haußmann sofort nach ihrer Ankunft in Kiel mit den Arbeitervertretern, dem Soldatenrat und Gouverneur Souchon zusammen um über den weiteren Verlauf gemeinsam zu beraten. Daraufhin wurde Noske am 5.November zum Vorsitzenden des Soldatenrates gewählt und übernahm am 7.November den Gouverneursposten.
Doch Noske unterstütze nicht, wie von den Arbeitern und Soldaten erwartet, die Ausweitung des Aufstandes, sondern versuchte, gemäß der SPD-Linie, so schnell wie möglich wieder für "Ruhe und Ordnung" zu sorgen. So war seine erste Amtshandlung das "Verbot des Waffentragens außerhalb des Dienstes" zu erlassen.

Der Tagung des "Kriegskabinetts" am Morgen des 5.November im Berliner Reichskanzlerpalais wohnte auch der inzwischen angereiste General Groener bei. Man beschloss den Rückzugsbefehl für die Westfront zu erlassen, da es laut Groener "die erste Pflicht ist und bleibt eine entscheidende Niederlage des Heeres unter allen Umständen zu vermeiden"
Wilhelm Groener am 5. November zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 106
. Beim zweiten Verhandlungspunkt, dem Umgang mit der Situation in Kiel, gab es große Meinungsverschiedenheiten zwischen den Regierungsmitgliedern. Einige waren für ein militärisches Eingreifen um ein Exempel zu statuieren und allen anderen revolutionären Bewegungen vorzugreifen, andere setzten auf Verhandlungen, da sie befürchteten gerade durch ein militärisches Eingreifen die Stimmung noch weiter zu schüren. Doch nachdem man bei einem Telefonat mit Noske von dessen "Erfolgen" gehört hatte, ließ man ihm freie Hand in Kiel.

Bei einem gemeinsamen Treffen der SPD- und Gewerkschaftsführer sowie Max von Baden und Groener am 6.November beschloss man den "lokalen Ausbruch in Kiel"
Prinz Max von Baden zitiert nach: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 106
durch Einstellen des Post- und Eisenbahnverkehrs an seiner Ausweitung zu hindern.
Doch dafür war es bereits zu spät. Die revolutionäre Bewegung hatte sich durch die Kieler Soldaten bereits auf ganz Norddeutschland ausgebreitet. Nachdem am 5.November die "roten Matrosen" in Lübeck eingetroffen waren, waren die dort stationierten Garnisonen sofort übergelaufen und hatten gemeinsam mit den Matrosen am Abend bereits die Hauptpost, das Telegrafenamt und den Bahnhof besetzt. Am nächsten Tag folgte der Generalstreik. Ähnlich war der Verlauf in Wilhelmshaven am 6.November: nachdem die Wachposten an den militärischen Gebäuden von den Matrosen überwältigt worden waren und sich diese bewaffnet hatten, führten sie einen Demonstrationszug von 10.000 Menschen durch die Stadt an, dem sich unterwegs die Werftarbeiter anschlossen. Man konnte die Inhaftierten aus den Gefängnissen befreien, da die Infanterie aus Oldenburg, die zum Schutz der Stadt abkommandiert war, den Befehl verweigerte. Am frühen Nachmittag wurde ein Arbeiterrat gewählt, der sich mit dem bereits bestehenden Soldatenrat vereinigte. Gemeinsam wurde ein Ausschuss bestehend aus 21 Mitgliedern - der "21er-Rat" - bestimmt, der die oberste Exekutivgewalt ab jetzt innehatte. Dieser setzte am 10.November den Großherzog von Oldenburg ab und rief die "sozialistische Republik Oldenburg" aus.
Dieser "lokale Ausbruch" breitete sich innerhalb kürzester Zeit auf das ganze Deutsche Reich aus. Am 7.November waren Hannover, Köln und Braunschweig in den Händen der Revolutionäre. Am gleichen Tag wurden in München die Wittelsbacher gestürzt. Gleiches geschah den Fürsten in Sachsen, Franken und Hessen am folgenden Tag.
Das Bild in den Städten war meist das gleiche: den angereisten Matrosen aus Kiel schlossen sich bei den Demonstrationen weitere Arbeiter und Soldaten an. Man bewaffnete sich bei dem Sturm auf Kasernen und Polizeistationen. Öffentliche Gebäude wurden besetzt und Gefangene befreit, der Generalstreik ausgerufen und Räte gewählt, denen die Exekutivgewalt zugesprochen wurde. Anschließend zogen die Matrosen zur nächsten Stadt um ihre "revolutionäre Botschaft zu verkünden".

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