Arbeitgeber und Gewerkschaften

Am 9., 11. und 12.November waren im Berliner Hotel Continental die Führer der deutschen Gewerkschaften und Arbeitgeber zusammengetreten. Auf der einen Seite hatte Carl Legien den Vorsitz der Generalkommission der Gewerkschaften inne und auf der anderen Seite stellten Hugo Stinnes und Carl Friedrich von Siemens die Leiter der Unternehmergruppe dar. Zu erstmaligen Verhandlungen zwischen den Parteien war es bereits 1917 gekommen.
Das am 15.November unterzeichnete "Arbeitsgemeinschaftsabkommen" - auch "Stinnes-Legien-Abkommen" genannt - beinhaltete Erfolge für beide Seiten. Das gemeinsame Ziel war die deutsche Wirtschaft zu sichern und ohne einen geordneten Produktionsverlauf war das, ihrer Meinung nach, nicht möglich. Außerdem sahen die Gewerkschaften die Gefahr, dass die Räte mächtiger werden könnten als sie selbst. Insofern musste man so schnell wie möglich dafür sorgen die Arbeiter zu beruhigen, damit sie ihre Arbeit wieder aufnahmen und auch dauerhafte Zugeständnisse machen, um sich vor erneuten Streiks und unkontrollierbaren Zusammenschlüssen der Arbeiter zu schützen. (Textmaterial)
Ein "Zentralausschuss zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft" wurde von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam eingesetzt und in Zukunft sollte ein "Schlichtungsausschuss" bei Uneinigkeiten zurate gezogen werden.

Die Gewerkschaften erhielten durch das Abkommen die Zusage als alleinige Vertreter der Arbeiterschaft von den Arbeitgebern anerkannt zu werden. Sie mussten sich dafür verpflichten größtmöglichen Einfluss auf die Arbeiterräte zu nehmen und sie in ihrem Handlungsspielraum einzuschränken, was im Interesse beider Seiten war.
Arbeiterausschüsse, die in jedem Betrieb mit mehr als 50 Arbeitern gebildet werden sollten, sollten ab jetzt gemeinsam mit der Unternehmensleitung die Einhaltung von Tarifverträgen überwachen und somit die autonomen Räte ersetzten . Die Arbeitgeber verpflichteten sich zur Einhaltung des 8-Stunden-Tages, der schon seit Jahren ohne Ergebnis von den Arbeitern verlangt worden war und stets einen zentralen Punkt der Forderungen bei Demonstrationen und Streiks dargestellt hatte. Im Gegenzug sollten die Gewerkschaften sich aktiv dafür einsetzten, dass eine Sozialisierung von Eigentum ausgeschlossen werden würde. Doch war auch das eigentlich in ihrem eigenen Sinne. Die Gewerkschaften des Kaiserreiches waren alles andere als sozialistisch, sondern eher konservativ-monarchisch, gewesen. Schließlich würden Gewerkschaften in einer von Arbeitern kontrollierten Räterepublik völlig überflüssig werden.

Durch das Abkommen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern war der "sozialistischen Revolution" auf wirtschaftlicher - und somit auch auf staatlicher - Ebene schon nach sechs Tagen eigentlich ein offizielles Ende gesetzt worden. Die Arbeiter hatten ihre langjährigen Forderungen, für die sie auch am 9.November auf die Straße gegangen waren, erfüllt bekommen. Die Räte waren nun, da die Mehrzahl der Deutschen deren einzige Aufgabe darin sah die Interessen der Arbeiter durchzusetzen, bedeutungslos geworden und was ist der Sozialismus schon ohne Räte und Enteignungen, für die sich noch weniger eine Mehrheit bei der Bevölkerung finden ließ.

Am 21.November wurde, auf Druck seiner USPD-Mitglieder, durch den Rat der Volksbeauftragten eine "Sozialisierungskommission" eingesetzt, zu deren neun Mitgliedern unter anderem Karl Kautsky, Rudolf Hilferding, Otto Hue und Vogelstein gehörten. Sie hatte die Aufgabe die einzelnen Industrien auf ihre "Sozialisierungstauglichkeit" zu prüfen und eine Verstaatlichung der Montanindustrie vorzubereiten.
Die Kommission blieb bis zum 7.April 1919 im Amt, ohne jedoch auch nur eine Teilsozialisierung durchgesetzt zu haben. Ein anderes Ergebnis hatte sich, außer der USPD und in ihr vor allem die revolutionären Obleute, auch keiner gewünscht. Im Kohlen- und Kalibergbau sowie in der Stahlindustrie wurden lediglich so genannte "Selbstverwaltungskörperschaften" eingerichtet, die jedoch keineswegs der Idee einer sozialistischen Enteignung folgten.

Die "Arbeitsgemeinschaft" aus Gewerkschaften und Arbeitgebern brach 1924 bereits wieder auseinander.

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