1. Weltkrieg

Gerade durch die imperialistische Machtpolitik, insbesondere in Bezug auf die Kolonien in Afrika und im Pazifik, war es schon vor 1914 zu Konflikten zwischen den Großmächten Europas gekommen. Bismarck hatte versucht seinem 1871 neugegründeten Deutschen Reich durch ein geschicktes Bündnissystem den Platz in der Mitte Europas zu sichern und dabei auf diplomatische Beziehungen gesetzt.
Nach dem Tod Wilhelms I. am 9.März 1888, der nur drei Tage dauernden Regentschaft seines Sohnes Friedrich III. und der Thronbesteigung Wilhelms II. noch im gleichen Jahr, veränderte sich die Situation in Deutschland entscheidend.
Wilhelm II. wollte sich nicht wie sein Großvater durch Bismarck die Leitung des Reiches aus der Hand nehmen lassen und entließ daher im März 1890 den Reichskanzler. Wilhelm wollte nun selbst dafür sorgen, dass Deutschland seinen "Platz an der Sonne" erhielt. Er meinte die Stärke Deutschlands durch Aufrüstung und Militärmanöver demonstrieren zu müssen, was natürlich England, Frankreich und Russland auf den Plan rief. Das verzweigte Bündnissystem Bismarcks wurde auf den Dreibund Deutschlands, Österreich-Ungarns und Italiens reduziert, der von 1882 bis 1914 jährlich erneuert wurde. Dies hatte zur Folge, dass Frankreich 1892 mit Russland und 1904 mit Großbritannien ein Bündnis einging.

Krisenherd Europas war schon damals der Balkan gewesen, wo die Interessen von Österreich- Ungarn und Russland aufeinander stießen. Russland unterstützte die Freiheitsbestrebungen der slawischen Serben und trat für ein panslawistisches Reich ein, was Österreich-Ungarn, das sich 1908 Bosnien und Herzegowina einverleibt hatte, gar nicht gefiel.
Als nun am 28.Juni 1914 der Erzherzog und österreichische Thronfolger Prinz Franz Ferdinand und seine Frau in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von einem serbischen Freischärler erschossen wurden, war das für Österreich die lang erwartete Legitimation, um gegen die serbischen Separatisten militärisch vorzugehen, was allerdings, wie damals abzusehen war, ein Eingreifen Russlands zur Folge haben würde.
Gemäß des Bündnisses stellten Wilhelm II. und der Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg den Habsburgern einen "Blankoscheck" aus, was bedeutete, dass man Österreich-Ungarn in jedem Falle militärisch zur Seite stehen würde.
Auch Deutschland war daran interessiert, dass seine südöstliche Grenze auf Dauer gesichert bleiben würde und dazu brauchte es dort ein gefestigtes Österreich, das, so dachte man, durch einen Sieg über die expandierenden Slawen geschaffen werden könnte. Über die Folgen eines Krieges machte man sich keine Gedanken; jetzt kam es darauf an, seine Kräfte zu messen.
Am 23.Juli 1914 stellte Wien ein Ultimatum an Serbien, in dem unter anderem verlangt wurde der Souveränität zu entsagen. Obwohl Serbien in seiner Antwort auf viele der Forderungen einging, folgte am 28.Juli die österreichische Kriegserklärung. Der Befehl zur Gesamtmobilmachung in Russland am 30.Juli, nach den gescheiterten Vermittlungsversuchen der Engländer, hatte die deutsche Kriegserklärung an Russland am 1.August 1914 zur Folge, die, gemäß dem Schlieffenplan von 1905, die Kriegserklärung an Frankreich am 3.August nach sich zog.
Am 4.August erklärte schließlich auch England, das in Deutschland besonders wegen Wilhelms Flottenpolitik die ihm die Rolle als stärkste Seemacht streitig machte, einen gefährlichen Gegner sah, den Krieg gegen die Mittelmächte.
Die Tripelentente England, Frankreich und Russland verpflichtete sich am 5.September gegenseitig keine Einzelfrieden mit Deutschland abzuschließen; somit waren die Frontzugehörigkeiten besiegelt. Die Türkei schloss sich 1914 und Bulgarien 1916 an die Mittelmächte Deutschland und Österreich an, wohingegen das anfangs neutrale Italien sich auf die Seite der Entente stellte und Österreich am 23.Mai 1915 den Krieg erklärte.

Die Kriegsbegeisterung in Europa war enorm gewesen. Gerade in Deutschland hatte sich, nach der von den Nationalisten herbeigesehnten Reichsgründung durch Bismarck, ein starker Patriotismus entwickelt, der seinesgleichen im durch den Hass auf die deutschen Sieger von 1871 geeinten Frankreich fand. Es galt stets das Land vor den imperialistischen Feinden zu schützen, die auch immer jeweils die alleinige Kriegsschuld trugen. Im Deutschen Reich war es besonders nötig derartige Parolen herauszugeben, um die Tatsache der eigenen Aggressivität zu verschleiern. Dass man den anderen Staaten militärisch weit überlegen war, stand im militaristischen Wilhelminischen Reich außer Frage und so zogen die deutschen Soldaten mit dem Versprechen der Heerführer im Ohr an die Front, dass sie "Weihnachten wieder zu Hause" sein würden. Viele schwelgten noch in Träumen von ehrenhaften Mann-gegen-Mann-Duellen, doch all dies hatte mit der Realität des 1. Weltkrieges rein gar nichts mehr zu tun. Die Erlebnisse an der Front - die grausam zugerichteten Toten, die ständige Angst vor Angriffen, das Sterben der Kameraden - war für viele Soldaten psychisch kaum zu verarbeiten. Hinzu trat die physische Belastung durch Hunger, Krankheiten und Schlafmangel. Besonders in der Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" werden die Verhältnisse an der Front erschütternd realitätsnah dargestellt. Den erstmals in diesem Krieg zum Einsatz gekommenen Kampfmitteln wie Giftgas, Panzern, Kriegsflugzeugen und U-Booten fielen insgesamt 10 Millionen Menschen zum Opfer, davon 1,81 Millionen Deutsche; 20 Millionen wurden zudem verwundet. Die Kriegskosten beliefen sich allein in Deutschland auf 194 Milliarden Goldmark.

Der offene Krieg begann mit dem Einfall des deutschen Heeres im neutralen Belgien. Man schaffte es innerhalb weniger Wochen bis kurz vor Paris vorzustoßen. Doch während der Marneschlacht vom 5. bis 10.September schlug der Bewegungskrieg um: das französische Heer hatte sich gesammelt und man verschanzte sich auf beiden Seiten in Schützengräben. Die entstandene Frontlinie sollte sich in den folgenden Jahren nur unbedeutend verschieben. Der nun folgende Stellungskrieg war eine reine Materialschlacht, bei der nur siegen konnte, wer die größeren Reserven an Menschen und Maschinen hatte.
Der Konflikt der europäischen Großmächte breitete sich über ihre Kolonien auf die ganze Welt aus. Japan war bereits am 23.August 1914 aufseiten der Alliierten in den Krieg eingetreten und führte die Kampfhandlungen im Pazifik an. Amerika tat diesen Schritt am 6.April 1917, nachdem Deutschland am 1.Februar England den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt hatte. Ihm folgten noch im gleichen Jahr Griechenland, China und Brasilien. Neutral zeigten sich in Europa nur Norwegen, Spanien, die Schweiz, die Niederlande, Schweden und Dänemark.

Die Situation des deutschen Heeres verschlechterte sich stetig. Auch wenn weltweit aufseiten der Mittelmächte 32 Millionen Menschen mobilisiert waren, konnte man die Westfront in Europa, an der Engländer, Franzosen und Amerikaner gemeinsam kämpften, kaum noch halten. Die letzte Großoffensive im März 1918 scheiterte kläglich. Bis Juni hatte sie zwar noch Erfolge gezeigt, doch nachdem hunderttausende Amerikaner nach Europa übergesetzt hatten, erfolgte im Juli der Gegenstoß der Alliierten; die deutsche Armee musste sich zurückziehen. Die Oberste Heeresleitung (OHL), die mit der Märzoffensive alles auf eine Karte gesetzt hatte, musste langsam erkennen, dass die Niederlage kurz bevor stand.
Erkannt hatten es bereits die Tausenden Deserteure, Simulanten, "freiwilligen Kriegsgefangenen" und Überläufer. Im August verweigerten bereits ganze Einheiten den Befehl, doch die OHL weigerte sich militärische Konsequenzen zu ziehen.

Anfang 1918 hatten für Deutschland, nach dem Scheitern der englischen und französischen Offensiven, dem Ausscheiden der russischen Armee sowie dem Zusammenbruch der italienischen Armee, die Chancen für einen Verständigungsfrieden recht gut gestanden. Doch die OHL sträubte sich gegen solch einen "Verzichtfrieden". Deutschland musste, egal wie groß die Verluste hierfür sein würden, siegen.
Die OHL stand nicht alleine mit ihrer Meinung. Auch die Großindustriellen, Großgrundbesitzer, hohe Militärs und eine Anzahl konservativer Intellektueller wollten den "Siegfrieden" um jeden Preis. Viele dieser Gesinnungsgenossen sammelten sich in der 1917 gegründeten Vaterlandspartei. Die Ziele dieser Partei stimmten im Grundsatz mit dem Programm des Alldeutschen Vereins überein, der sich für eine "Ausweitung der Ostgrenze, eine Annexion Polens, eine Angliederung Belgiens an Deutschland, eine Ausweitung der Kolonien und eine dauerhafte, mit Gebietsabtretungen verbundene Schwächung Frankreichs" aussprach .
Auch die Mehrheits-SPD (MSPD) stimmte grob mit diesen Forderungen überein, jedoch sollte ihrer Meinung nach das "Selbstbestimmungsrecht der Völker bei Annexion erhalten bleiben". So sprach sich Friedrich Ebert, der Vorsitzende der MSPD, am 13.Juli 1918 mit den folgenden Worten für eine erneute Bewilligung der Kriegskredite aus: "Auf entbehrende, seine politische, wirtschaftliche und seine kulturelle Zukunft vernichtende oder herabdrückende Bedingungen wird das deutsche Volk niemals eingehen. Es will den ehrenvollen Frieden für alle! Da die Gegner uns einen solchen Frieden bis auf den heutigen Tag verweigern, so werden wir auch diesmal die Mittel bewilligen, die zur weiteren Verteidigung der Lebensinteressen unseres Volkes und zur Errichtung des (Sieg-)Friedens erforderlich sind."
Friedrich Ebert zitiert nach: Maser, Werner: "Friedrich Ebert". München 1987; Seite 160

Man versprach sich von den Gebietserweiterungen, vor allem durch die Ausweitung der Landwirtschaft im Osten - die so genannte "Schaffung neuer Wirtschaftsräume" - eine wirtschaftliche Stärkung und eine damit verbundene endgültig gesicherte Großmachtstellung Deutschlands. Wer sich diesen Zielen nicht anschloss galt als "undeutsch" und kam in den Verdacht mit den Feinden zu sympathisieren.
Die Unabhängige-SPD (USPD) sprach sich trotzdem offen für einen Verständigungsfrieden aus, da ihre Mitglieder nicht der Meinung waren, dass ein eventueller Sieg im Verhältnis zu den Qualen der Bevölkerung und der Not in Deutschland stand. Der Spartakusbund hingegen lehnte den Krieg ab, da er seiner Meinung nach nur im "Interesse des Kapitalismus" geführt werden würde und keinerlei Vorteil für die Proletarier in sich barg.
Da jene, die einen "Siegfrieden" befürworteten auch meist jeglichen demokratischen Reformen im Reich abgeneigt waren und einen großen politischen Einfluss hatten, - wodurch das Dreiklassenwahlrecht in Wilhelms Osterbotschaft 1917 auch erneut bestätigt wurde - war abzusehen, dass bei einem Sieg über die Alliierten sich an der innenpolitischen Situation erst recht nichts ändern würde, da die Konservativen dann noch mehr in ihren Rollen gestärkt sein würden. Dies war ein weiterer Grund für die (revolutionären) Linken gegen den Krieg einzutreten, da sie hofften durch einen Frieden, der auf Druck der Alliierten mit demokratischen Reformen verbunden sein würde, selbst an die Macht zu kommen.

Im Deutschen Reich hatten Erich Ludendorff und Paul von (Beneckendorff und) Hindenburg, als Führer der OHL, während des Krieges eine Art Militärdiktatur aufgebaut. Wilhelm II. richtete sich strickt nach ihren Anweisungen und mischte sich in keiner Situation in ihre Befehle an das Heer ein, obwohl er als Kaiser oberster Heerführer war.
Hindenburg, der seit der Schlacht bei Tannenberg großes Ansehen in der Bevölkerung genoss, war im August 1916 zum Generalfeldmarschall ernannt worden, nachdem sein Vorgänger Falkenhayn auf Grund seines Misserfolges bei Verdun zurückgetreten war. Ludendorff wurde Hindenburgs Stellvertreter im Amt des 1.Generalquartiermeisters, übernahm aber bald selbst die Rolle des Vorgesetzten und traf von da an alle wichtigen Entscheidungen im Reich. Gemeinsam traten die beiden ihr Amt als 3.OHL, in dem sie in erster Linie dafür zuständig waren die Versorgung der Front mit Menschen und anderem Kriegsmaterial zu koordinieren und Strategien auszuarbeiten, mit dem Versprechen an, England bis Ende des Jahres besiegt zu haben.

Copyright (©) 2002 by Karena Kalmbach, Berlin