Vorwort

Es gibt in der deutschen Geschichte nur wenige Ereignisse, die so unterschiedlich beurteilt wurden (und immer noch werden), wie die Revolution von 1918/19. Je nach politischer Gesinnung war sie für die einen das größte Unheil und für die anderen die wichtigste Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.

Adolf Hitler nahm die Novemberrevolution nach eigenen Angaben als Anlass zu dem Entschluss Politiker zu werden, verkündete: "Nie wider darf es in Deutschland einen November 1918 geben"
Adolf Hitler zitiert nach: Haffner, Sebastian: "Anmerkungen zu Hitler". 21. Auflage, München 1978; Seite 19
und verfolgte die "Novemberverbrecher" gnadenlos, viele von ihnen wurden in den Konzentrationslagern ermordet.
Die SED zog aus der Novemberrevolution die "Lehren", "dass die Arbeiterklasse nur siegen kann, wenn sie die durch Imperialismus herbeigeführte Spaltung überwindet und sich unter Führung ihrer revolutionären Kampfpartei fest vereinigt"
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 355
und dass "der Kampf der Arbeiterklasse nur durch ein enges Bündnis mit der Sowjetunion erfolgreich sein kann."
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 357
Außerdem bestände "mit der Deutschen Demokratischen Republik ein sozialistischer Staat deutscher Nation, der alle fortschrittlichen Traditionen der deutschen Geschichte verkörpert und in dem alle Lehren der Novemberrevolution ihre Verwirklichung gefunden haben."
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): "Illustrierte Geschichte der Novemberrevolution in Deutschland". Berlin 1968; Seite 363

Für andere war es noch nicht einmal eine Revolution, was sich da ereignet hatte. So schrieb René Schickele am 10.November 1918 in sein Tagebuch: "Die Verhaftungen fehlen, die Besetzungen der Banken, eine standrechtliche Demonstration hier und da. Revolution? Schön, aber es geschieht nichts Revolutionäres."
Schickele, René: "Der neunte November". Berlin 1919; Seite 38


Um die Geschehnisse in Berlin im November des Jahres 1918 und ihre ganze Wirkung verstehen zu können, darf man nicht nur den Zeitraum "von Kiel bis Kapp" betrachten. Auch wenn die Novemberrevolution durch die Kieler Matrosenaufstände ins Rollen gebracht wurde, so ist es doch wichtig die Vorgeschichte zu kennen, um zu verstehen, warum sich in Deutschland eine derartige Masse an Menschen bereit fand auf die Straße zu gehen.
Und zu dieser Vorgeschichte gehört an erster Stelle der 1. Weltkrieg, der die Situation in Deutschland so grundlegend veränderte, dass überhaupt ein Umsturz stattfinden konnte. Auch ist es unumgänglich auf die Revolution in Russland einzugehen, schließlich warnten die Reaktionäre immer wieder vor "bolschewistischen Verhältnissen" und die Linksrevolutionäre nahmen sich das Land zum Vorbild.

Ob die Novemberrevolution nun wirklich, wie Walter Ulbricht meinte, "nicht nur irgendein Ereignis in der deutschen Geschichte, sondern die größte revolutionäre Massenbewegung nach dem deutschen Bauernkrieg"
Walter Ulbricht zitiert nach: Arbeitskreis Verdienter Gewerkschaftsveteranen beim Bundesvorstand des FDGB (Hrsg.): "Die Novemberrevolution 1918 und die deutschen Gewerkschaften". Berlin 1958; Seite 419
war, davon soll sich nun jeder Leser selbst ein Bild machen.

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