Die Situation im Heer

Die Soldaten sehnten das Kriegsende herbei. Längst hatte man erkannt, dass ein Sieg unmöglich war und zudem musste man trotz stattfindender Friedensverhandlungen weiterkämpfen. Die Truppenverbände begannen sich aufzulösen und die militärische Führung sah meist tatenlos zu. Hartes Durchgreifen im Falle des Desertierens hätte den Zorn der Soldaten weiter geschürt, doch Wegschauen förderte den Prozess nur noch mehr.
Besondere Wut machte sich bei den Soldaten wegen der ungerechten Behandlung im Vergleich zu den Offizieren breit. Während sie Hunger zu leiden hatten, wurde in den Offizierskasinos geprasst. In separaten Küchen und Speiseräumen wurden die Offiziere hinter der Front, trotz des Notstandes, sehr viel besser versorgt. An der Front hatten man gemeinsam gekämpft, das gleiche Elend erlitten, die gleichen Mahlzeiten bekommen und nun wurden den Soldaten die Rangunterschiede wieder umso deutlicher vor Augen geführt.
Auch Auszeichnungen wurden fast nur an Offiziere verliehen. Sie selbst, das erkannten die Soldaten bald, waren nur als "Kanonenfutter" vorgesehen. Die Aushändigung der vom Kaiser unterzeichneten "Ehrenblätter" für Gefallene wurde bereits nach einigen Kriegswochen eingestellt; es gab einfach zu viele Tote.
Die einfachen Soldaten hatten zudem schnell feststellen müssen, dass ihnen der "Kasernenhofdrill" an der Front wenig nützte. Hier war jeder auf sich allein gestellt, um zu überleben. Dementsprechend erbost waren sie, wenn sie die Ausbildung hinter der Front oder als Reserve, nach ihren gemachten Erfahrungen, über sich ergehen lassen mussten.

Besonders deutlich traten die Missstände bei der Hochseeflotte zu Tage. Sie lag seit der Niederlage am Skagerrak untätig in den Häfen von Kiel und Wilhelmshaven. Doch das änderte nicht daran, dass der Dienst weiterhin wie unter Kriegsbedingungen verrichtet werden musste und so auch die Schiffe von den Heizern ständig unter Dampf gehalten werden mussten. Für die Matrosen bedeutete dies ständige Gefechtsbereitschaft sowie Exerzierübungen und harten Drill durch die Offiziere. Diese wussten nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Auch wenn man nicht kämpfte, wollte man seinen Teil zum Erhalt des deutschen Heeres beitragen, in der Hoffnung endlich wieder aktiv mitwirken zu können und nicht mehr das Gefühl haben zu müssen überflüssig zu sein. Als Offizier gehörte man an die vorderste Front und nicht in einen heimatlichen Hafen. Den Zorn über die eigene Untätigkeit ließen die Offiziere an ihren Mannschaften aus.
Dazu kam noch, dass die Unterbringung auf den Schiffen, eben wie im Einsatz, so unkomfortabel und spartanisch wie möglich war. Dafür konnte keiner der Soldaten Verständnis haben: im Umkreis von hunderten Kilometern befand sich kein Feind, das eigene Bett war aber vielleicht nur ein paar Ortschaften von der Küste entfernt.

Unter diese Umständen war es bereits im Sommer 1917 zu Unruhen unter den Matrosen gekommen, die sich gegen die Schikane und die schlechte Behandlung durch die Offiziere, "für die ein Mensch erst beim Leutnant beginne"
Brunk, Willi; Dederke, Karlheinz; Neumann, Horst: "1918/19: Revolution in Deutschland?". Berlin 1976; Seite
, richteten. Die Matrosen der "Prinzregent Luitpold" Max Reichpietsch und Albin Köbis waren daraufhin als Strafe für ihre Befehlsverweigerung am 5.September hingerichtet worden.

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