Die Revolution in Russland

Der 1. Weltkrieg hatte auch Russland in eine schwere Krise gestürzt. Die schlechte Infrastruktur des Riesenreiches wurde besonders unter den Kriegsbedingungen sichtbar, was für die Bevölkerung Versorgungsnotstände und Lebensmittelknappheit bedeutete. Wie in Deutschland, so hatten auch hier die Arbeiter das schwerste Los.
Am 23.Februar 1917 führte eine Großdemonstration von Arbeiterinnen in Petrograd zu einem Generalstreik in der Stadt, da sich auch die Arbeiter anderer Betriebe und die Soldaten aus den Kasernen ihnen anschlossen. Es wurden Räte - russ.: "Sowjets" - gebildet, die die Interessen der Arbeiter aus den einzelnen Betrieben vertreten sollten; dies alles geschah durch Eigeninitiative der Arbeiter, ohne ein planmäßiges Einwirken der revolutionären Parteien. Gemeinsam bildete man ein "Exekutivkomitee", das als gemeinsame Vertretung der Petrograder Arbeiter- und Soldatenräte fungieren sollte. In ihm stellten nun die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre die Mehrheit dar.
Um die drohende Revolution bzw. die Ausweitung des Petrograder Aufstandes in geregelte Bahnen zu lenken, bildete das russische Parlament, die Duma, am 27.Februar ein "Provisorisches Komitee", das den Forderungen der Petrograder nach einer Demokratisierung entsprechen sollte. Doch auch seine bürgerlich-liberalen Mitglieder konnten den Zusammenbruch des Zarenreiches nicht verhindern. Am 2.März 1917 musste Nikolaus II., als letzter Zar der Romanow-Dynastie, abdanken. Zuletzt war der unhaltbare Monarch sogar von der Armeeführung dazu aufgefordert worden.
Nun standen sich das Provisorische Komitee und das Exekutivkomitee im Ringen um die oberste Macht im Staat gegenüber. Man war jedoch aufeinander angewiesen und bildete so eine "Doppelherrschaft": um bei der Volksmasse akzeptiert zu werden benötigte das Provisorische Komitee die Legitimation des Exekutivkomitees, dem Organ der Arbeiter- und Soldatenräte. Diese wiederum bedurften der administrativen Erfahrung der Mitglieder des provisorischen Komitees, die schon zur Zeit der zaristischen Duma in hohen Positionen gewesen waren.
Die Komitees stimmten in Fragen die Freiheitsrechte, die Gleichberechtigung von Minderheiten und die Abschaffung menschenunwürdiger Strafen betreffend überein und erließen dementsprechende Gesetzte. Doch konnten sie bei der damals für das Volk wichtigsten Entscheidung zu keinem Konsens finden: Wie sollte man sich in der Kriegslage verhalten? Das Exekutivkomitee war entschieden gegen einen Siegfrieden, für den sich das Provisorische Komitee aussprach. Wie die Arbeiter und Soldaten wollten seine Mitglieder den unglückseligen Krieg endlich beenden und dafür kam als Sofortlösung nur ein Verständigungsfrieden in Frage.

Doch seine Kriegsgegner entdeckten die wunde Stelle im neuen politischen System Russlands - den Konflikt zwischen den Komitees - und versuchten diesen momentanen Schwachpunkt auszunützen. So erlaubte die deutsche Regierung Lenin, der sich im Schweizer Exil befand, über Deutschland im Zug nach Russland einzureisen. Auch andere Revolutionäre wurden durch die Mittelmächte eingeschleust, um das Land weiter durch interne Konflikte zu schwächen und so einen militärischen Sieg an der Ostfront zu erlangen.

Auf Druck der Entente veranlasste das Provisorische Komitee, von den anderen Staaten als neue Regierung anerkannt, eine neue Offensive gegen Österreich-Ungarn an der Frontlinie in Galizien. Inzwischen war Alexander Kerensky Ministerpräsident geworden. Er hatte den Regierungsvorsitz Ende Juli von seinem Vorgänger Lwow übernommen. Kerensky war seit 1912 Dumaabgeordneter und 1917 zum Heeres- und Kriegsminister ernannt worden. Sein Feldzug scheiterte jedoch kläglich: die Logistik brach vollständig zusammen und zwei Millionen Soldaten desertierten. Russland war am Ende. Da der Forderung der Bevölkerung nach "Frieden, Land und Brot" in keiner Weise nachgekommen war, nahm man sich nun selbst was man zum Überleben brauchte.
Zudem gingen die Machtkämpfe im Land weiter. Ein Putschversuch konservativer Militärkreise unter der Führung von Kornilow brachte den revolutionären Bolschewiki nur noch mehr Zuläufer und so wurden sie bei den Petrograder Stadtratswahlen mit 33,4 % zweitstärkste Partei und Leo Trotzki neuer Vorsitzender des Exekutivkomitees.

Am 10.Oktober begann Trotzki gemeinsam mit Lenin die Planung für einen Sturz der Regierung Kerensky, die von dem Zentralkomitee der Bolschewiki am selben Tag beschlossen worden war. Ein revolutionäres Militärkomitee wurde gebildet, das die Regierung aufforderte ihnen alle Befehle vor der Ausrufung vorzulegen, was abgelehnt wurde. Daraufhin ernannte das Komitee in den Truppen eigene Offiziere und bekam so das Militär in der Hauptstadt in seine Hand.
Am 24. Oktober 1917 - nach dem gregorianischen Kalender, der in Russland erst im Februar 1918 eingeführt wurde, der 6. November - besetzten die Bolschewiki unter der Führung Trotzkis mithilfe der Petrograder Hauptstadttruppen und selbst gebildeter Roter Garden alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt. Am folgenden Tag wurde das Winterpalais eingenommen und die dort tagende Provisorische Regierung, bis auf den frühzeitig geflohenen Kerensky, verhaftet.
Noch am selben Abend fand der "Zweite Allrussische Rätekongress" statt, bei dem die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre wegen der Tagesgeschehnisse ihren Austritt erklärten. Die Bolschewiki bildeten nun die Kongressmehrheit und sprachen dem Kongress daraufhin selbst die Regierungsgewalt zu.
Am folgenden Tag wurde durch Lenin ein "Rat der Volkskommissare" gebildet, dem er selbst vorstand. Dieser trat an die Stelle von Kerenskys Provisorischer Regierung und nannte ab jetzt die Exekutivgewalt sein Eigen. Die Forderung nach sofortigem Frieden wurde erhoben und die Großgrundbesitzer ihres Landes enteignet.
Die SPD erklärte sich "solidarisch mit den russischen Genossen", stellte aber gleichzeitig die Forderung an die deutschen Arbeiter, nicht den gleichen Weg zu gehen. Man wollte nicht allen linken Einfluss an die USPD verlieren.

Im November fanden dann die noch von Kerensky angesetzten Wahlen für eine verfassunggebende Nationalversammlung statt. Auf die Bolschewiki entfielen nur 175 der 707 Sitze, die rechten Sozialrevolutionäre, die auf dem Land eine große Anhängerschaft hatten, erlangten mit 370 Sitzen die Mehrheit. In Moskau und Petrograd stimmte jedoch die Mehrzahl der Bevölkerung von 47,9% bzw. 45.0% für die Bolschewiki.
Die erste Sitzung der Nationalversammlung, bei der der Antrag der Bolschewiki Russland in einen Rätestaat zu verwandeln abgelehnt wurde, fand am 5.Januar 1918 statt. Daraufhin ließ Lenin am 6.Januar die Versammlung durch seine Truppen auflösen und die (Russische Sozialistische Föderative) Sowjetrepublik ausrufen.
Somit hatten die russischen Sozialisten gewaltsam den Kampf um die Macht gewonnen und begannen nun die internen Gegner der neuen Sowjetrepublik brutal auszuschalten.

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