Der 10.November

Wilhelm II. hatte, nachdem er vollständig über die Geschehnisse in Berlin unterrichtet worden war, seine Residenz in Spa aufgelöst und sich von seinem Regiment verabschiedet, wobei er Groener den Händedruck verweigerte. Die Nacht verbrachte er bereits in seinem Hofzug, mit dem er am 10.November um 5.00 Uhr morgens Richtung Holland ins Exil abreiste.

Am Vormittag dieses Tages traten die Führer der SPD und der USPD erneut zu Verhandlungen zusammen. Man einigte sich auf die Bildung eines "Rates der Volksbeauftragten", dem von der SPD wie angekündigt Scheidemann, Ebert und Landsberg und von der USPD Dittmann, Barth und Haase, der sich am Vorabend nach seiner Rückkehr noch entschieden gegen eine Zusammenarbeit ausgesprochen hatte, angehören sollten. Alle Kommissare sollten gleichberechtigt sein und die von der USPD gestellten Bedingungen wurden anerkannt. Ebert übernahm das Ressort "Äußeres und Kolonien", Scheidemann das Finanzressort, Dittmann die "Rechts- und Gesundheitspflege" sowie die Demobilisierung und Barth die Sozialpolitik. In einem Flugblatt mit der Überschrift "Die Einigung" wurde die neue Regierung der Bevölkerung vorgestellt und gleichzeitig dazu aufgerufen den Bahnverkehr nicht zu stören. (Flugblatt)

Während der Nacht hatten Abgesandte der SPD-Führung weitere Mitglieder mobilisiert. Sie sollten am Morgen die Stimmung in den Betrieben und Kasernen dahingehend beeinflussen, dass möglichst viele SPD-Mitglieder in die Räte gewählt werden würden.
Wie geplant fanden am Vormittag des 10.November die Wahlen zu den Arbeiter- und Soldatenräten statt. Pro 160 bis 200 Mann wurde ein Vertreter gewählt. Dabei entfielen die Stimmen meist auf Männer, die sich in der Vergangenheit für die Arbeiter oder Soldaten eingesetzt hatten oder sich anderweitig einen Namen gemacht hatten. Dies waren meist Vorgesetzte bzw. Soldaten höherer Dienstgrade, deren Bekanntheitsgrad einfach größer war. Daher kam es, dass die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte eher bürgerlich-liberal als links-bolschewistisch waren.
Das führte auch dazu, dass die Versammlung am Nachmittag einen völlig anderen Verlauf nahm, als am Vorabend von ihren Initiatoren, den Obleuten und revolutionären Arbeitern und Soldaten, geplant. Man hatte damit gerechnet, dass die von Liebknecht ausgerufene Räterepublik auch von ihren Räten getragen werden würde.

Um 17.00 Uhr wurde die 3000 Mann zählende Räteversammlung von Emil Barth im Zirkus Busch eröffnet. Als zweiter Redner trat Ebert auf, der sich für eine Einigung der Sozialdemokratie aussprach um damit die Existenz des Rates der Volksbeauftragten zu festigen. Ihm folgten Haase und Liebknecht. Dieser warnte die Delegierten in seiner Rede vor einem bevorstehend Verrat der Revolution und rief ihnen zu: "Die Konterrevolution ist mitten unter euch!", womit er ganz klar Ebert und die SPD meinte.
Anschließend verlas der Vollzugsausschuss der revolutionären Obleute seine selbst aufgestellte Mitgliederliste für einen Vollzugsrat, der die oberste Instanz der Arbeiter- und Soldatenräte darstellen sollte. Die Kandidaten waren ausschließlich USPD-Mitglieder bzw. Spartakusanhänger.
Dagegen empörten sich die Soldaten, die bei der Versammlung die Mehrheit stellten, und forderten eine paritätische Zusammenstellung aus SPD- und USPD-Mitgliedern. Nachdem die Soldaten "mit erhobenen Gewehren und Säbeln gegen das Präsidium"
Wilhelm Pieck zitiert nach: Arbeitskreis Verdienter Gewerkschaftsveteranen beim Bundesvorstand des FDGB (Hrsg.): "Die Novemberrevolution 1918 und die deutschen Gewerkschaften". Berlin 1958; Seite 43
vorgegangen waren um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, verließen die Spartakus-Anhänger die Versammlung, da sie eine Zusammenarbeit mit der SPD, wie ihr Führer Liebknecht, strickt ablehnten.
So einigte man sich schließlich auf ein Zusammensetzung des Vollzugsrates aus je sechs SPD- und USPD-Mitgliedern sowie 12 Soldaten unter dem Vorsitz von Brutus Molkenbuhr (SPD), Richard Müller (USPD) und, dem bereits in Aktion getretenen, Oberleutnant Walz.
Der Rat der Volksbeauftragten wurde als provisorische Regierung bis zur Tagung einer Nationalversammlung bestätigt. Ebert sollte den Vorsitz inne haben - was ganz klar den Vereinbarungen mit der USPD vom Morgen widersprach - wodurch er ab jetzt nicht mehr "Reichskanzler", sondern "Regierungsvorsitzender" war. Der Vollzugsrat wurde durch Beschluss der Delegierten die höchste Instanz in Deutschland und hatte somit auch die Befugnis den Rat der Volksbeauftragten zu kontrollieren. Die Entscheidung über die weitere Staatsform wurde, im Sinne der SPD, wiederum alleinig der Nationalversammlung zugesprochen
Somit war der "Räterepublik Deutschland" eine deutliche Absage erteilt worden, denn die Räte betrachteten sich selbst nur als Provisorium. Sie sahen ihre Aufgabe darin dafür zu sorgen, dass die Eingliederung der Fronttruppen ins Zivilleben möglichst reibungslos verlief, dass die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet blieb, wobei man auf Hilfe aus Amerika angewiesen sein würde, und dass die Reichseinheit erhalten blieb. Hierbei hieß es besonders den separatistischen Bestrebungen der in Deutschland lebenden Lothringer, Elsäßer, Dänen, Polen sowie denen der Bayern, Rheinländern und den lokal ausgerufenen Räterepubliken entgegenzuwirken.

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